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VERANSTALTUNGEN


14. Juli 2013:
Gedenkveranstaltung und Führung am Ort des ehemaligen Konzentrationslagers "Columbia-Haus"


Dr.Kurt Schilde
Dr. Kurt Schilde bei seiner Rede am 14.07.13

Dr. Kurt Schilde
Rede bei der Gedenkveranstaltung am Ort des ehemaligen Columbia-KZs am 14. Juli 2013 Anlass für dieses Datum sind der Tag, an dem Kurt Hiller als erster bekannter Häftling vor 80 Jahren diesen Ort des Terrors betreten musste, sowie die derzeitigen Ausgrabungen vor Ort.

Der historische Ort

Seit dem 18. Jahrhundert hat es vor der Stadt Berlin ein großes militärisches Parade- und Exerziergelände gegeben: das Tempelhofer Feld. An dessen Nordrand befand sich seit 1896 in der damaligen Prinz-August-von-Württemberg-Straße – gegenüber den gleichzeitig in ähnlicher äußerer Gestaltung errichteten Kasernen – eine Militärarrestanstalt. Zwei Jahre nach der 1927 erfolgten Landung des Flugzeugs "Miss Columbia" auf dem Tempelhofer Flugplatz wird die Straße in Columbiastraße umbenannt. Seit 1950 heißt sie Columbiadamm. Zu Beginn der NS-Zeit 1933 nutzte das Geheime Staatspolizeiamt den Ort als Gefängnis und später als Konzentrationslager, das vielen Häftlingen als "Columbia-Haus" in Erinnerung geblieben ist. Damit wurde der Name des Flugzeuges zur Bezeichnung für eine der schlimmsten Haftstätten des nationalsozialistischen Deutschlands. Bis 1936 sind hier insgesamt mehr als 8000 Menschen inhaftiert gewesen. 1945 geriet die Geschichte des Columbia-Hauses ebenso wie die der Rüstungsproduktion und der Zwangsarbeitslager während des Zweiten Weltkriegs auf dem Tempelhofer Feld fast völlig in Vergessenheit. An der Stelle des früheren Gefängnisses befinden sich heute eine Freifläche und der Teil eines Hangars des ehemaligen Flughafens Tempelhof. Gegenüber dem ursprünglichen Standort des Gefängnisses am Columbiadamm Ecke Golßener Straße erinnert seit 1994 ein Denkmal an das Columbia-Haus.

Von der Militärarrestanstalt zum Gestapo-Gefängnis

Die Militärstrafanstalt am Nordrand des Tempelhofer Feldes umfasste neben dem Arrestgebäude mit 156 Zellen ein Gerichtsgebäude, ein Beamtenwohngebäude und weitere Nebenanlagen. Bis 1918 diente der Komplex als Militärarrestanstalt, danach wird er weiter als Gefängnis genutzt. Seit Sommer 1933 nutzt das Geheime Staatspolizeiamt das Gebäude als Gefängnis für politische Häftlinge, da das "Hausgefängnis" der Gestapo in der Prinz-Albrecht-Straße 8 wegen der großen Zahl von politischen Häftlingen ständig überfüllt ist. Das Columbia-Haus ist ein Ort völliger Rechtlosigkeit in der Verantwortung der Geheimen Staatspolizei. Die Gefangenen werden von den SS-Wachmannschaften erniedrigt, misshandelt und gefoltert. Die Zahl der Gefangenen steigt rasch von 80 Häftlingen im Juli 1933 über 400 im September auf etwa 450 Gefangene im Februar 1934 an. Damit sind auch die Zellen im Columbia-Haus ständig überfüllt gewesen. Die Lebensbedingungen für die Häftlinge wurden immer unerträglicher.

Die Umwandlung in ein Konzentrationslager

Am 8. Januar 1935 befiehlt Reinhard Heydrich als Chef des Geheimen Staatspolizeiamtes: "Das bisherige Gefängnis Columbiahaus führt ab sofort die Bezeichnung 'Konzentrationslager Columbia'". Die Entscheidung, das Columbia-Haus in das System der Konzentrationslager zu integrieren, hat der Reichsführer-SS und Chef der Preußischen Geheimen Staatspolizei Heinrich Himmler bereits im August 1934 gefällt. Seit Mai 1934 ist Theodor Eicke – zuvor Kommandant des KZ Dachau – damit beauftragt, die Konzentrationslager nach dem Vorbild von Dachau neu zu organisieren. Seit Juni 1934 ist Eicke offiziell "Inspekteur der Konzentrationslager".

Das Konzentrationslager Columbia

Mit der Eingliederung des KZ Columbia in die Inspektion der Konzentrationslager werden die Lagerführung und das Wachpersonal ausgewechselt. Seit April 1935 ist SS-Hauptsturmführer Karl Koch Kommandant des KZ Columbia, der zuvor bereits in den Konzentrationslagern Dachau, Sachsenburg, Esterwegen und Lichtenburg eingesetzt gewesen ist. Koch bleibt bis zum April 1936 Kommandant des KZ Columbia, anschließend ist er Lagerkommandant der KZ in Sachsenhausen, Buchenwald und Lublin-Majdanek. Die enge Verbindung zwischen dem Geheimen Staatspolizeiamt in der Prinz-Albrecht-Straße 8 und dem KZ Columbia bleibt immer bestehen. Es sollte weiterhin das ständig überfüllte Hausgefängnis der Gestapo entlasten. Gleichzeitig diente das KZ Columbia als Ausbildungsstätte für SS-Führer, die später Kommandanten und SS-Führer in anderen Konzentrationslagern waren.

Die Auflösung des Konzentrationslagers Columbia

Die Kriegsvorbereitungen und die Aufrüstung des NS-Staates erforderten den Ausbau des Flughafens Tempelhof. Die Planungen dafür hatten die Schließung des Konzentrationslagers zur Folge. Am 16. November 1936 setzte ein Fernschreiben des Geheimen Staatspolizeiamtes den Schlusspunkt unter die Geschichte des KZ Columbia: "Das Konzentrationslager Columbia in Berlin-Tempelhof ist mit dem 5. November 1936 aufgelöst worden." Einige der Häftlinge zeichneten die Baupläne für das neue KZ Sachsenhausen, das als Nachfolgelager diente. Es entstand in Oranienburg als Teil eines neuen dauerhaften Systems der Konzentrationslager. Nach der Schließung des KZ Columbia werden die Häftlinge nach Sachsenhausen gebracht. 1938 wird die ehemalige Militärarrestanstalt abgerissen. In einigen Neubauten des Flughafens werden seit 1939 Flugzeuge umgerüstet, repariert und schließlich auch produziert. Die Unterbringung der zivilen Arbeitskräfte erfolgte in unmittelbarer Nähe der Flughafengebäude. Dort befanden sich auch Barackenlager für die Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter aus ganz Europa und Kriegsgefangene aus der Sowjetunion und Frankreich.

Strafverfolgung nach 1945

In der Nachkriegszeit gibt es nur wenige Strafverfahren wegen der im Columbia-Haus begangenen Verbrechen. 1948 verhandelte die Zehnte Große Strafkammer des Landgerichts Berlin gegen den ehemaligen SS-Wachmann Karl Pfitzner wegen des Vorwurfs der Gefangenenmisshandlung. Er erhielt eine Zuchthausstrafe von vier Jahren. Im Jahre 1964 kommt es zu einem von der Zentralen Stelle der Landjustizverwaltungen in Ludwigsburg eingeleiteten Ermittlungsverfahren wegen der Morde an den homosexuellen Häftlingen 1935. Das Verfahren wird eingestellt, da die beiden beschuldigten SS-Angehörigen in der Zwischenzeit verstorben sind. Ein weiteres Vorermittlungsverfahren der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen gegen die ehemaligen Kommandanten Alexander Reiner, Karl Koch, Walter Gerlach und Heinrich Deubel scheiterte aus demselben Grund. Einige ehemalige Angehörige der Kommandantur werden wegen Verbrechen in anderen Konzentrationslagern angeklagt und verurteilt. Aber wegen der im Columbia-Haus begangenen Verbrechen wird nach 1945 niemand strafrechtlich zur Verantwortung gezogen.

Kurt Hiller (1885–1972)

Der am 17. August 1885 in Berlin geborene Kurt Hiller ist im Juli 1933 einer der ersten Häftlinge im Columbia-Haus. Der promovierte Jurist arbeitete als Schriftsteller. Er schrieb unter anderem für die Weltbühne. Politisch sehr aktiv gründete er z. B. mit Helene Stöcker einen Bund für die Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Lebensweisen. Nach dem Ersten Weltkrieg gehörte er zu den Gründern der "Gruppe Revolutionärer Pazifisten". Seit den 1920er Jahren setzte er sich für die Abschaffung des § 175 des Reichsstrafgesetzbuchs ein, der männliche Homosexualität unter Strafe stellte. Nachdem Kurt Hiller am 14. Juli 1933 bereits das dritte Mal verhaftet wurde, kam er am 14. Juli aus dem Gefängnis des Geheimen Staatspolizeiamtes in der Prinz-Albrecht-Straße 8 ins Columbia-Haus. Dort befand er sich bis Oktober 1933. Anschließend war er in dem zum Konzentrationslager umfunktionierten Zuchthaus Brandenburg. Im Februar 1934 wurde Hiller in das KZ Oranienburg gebracht und dort Ende April 1934 entlassen. Nach seiner Freilassung emigrierte er 1934 nach Prag, wo er 1935 seine Erlebnisse im Columbia-Haus niedergeschrieben hat. Sie erschienen im gleichen Jahr in mehreren Ausgaben der Wochenzeitschrift Die neue Weltbühne mit dem Titel "Schutzhäftling 231". Hillers Bericht ist eine der eindrücklichsten Schilderungen der Haftbedingungen im Columbia-Haus. Von Prag aus emigrierte Hiller 1938 nach Großbritannien. 1955 kehrte Hiller nach Deutschland zurück und ließ sich in Hamburg nieder. Dort ist er am 1. Oktober 1972 auch gestorben.

Hinweis auf die neue Sonderausstellung "Warum schweigt die Welt?!"

Häftlinge im Berliner Konzentrationslager Columbia-Haus 1933 bis 1936. Die am 19. Juli 2013 in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Berlin-Tiergarten, Stauffenbergstraße 13-14 eröffnete Ausstellung ist bis zum 11. Oktober 2013 zu sehen:

Montag bis Mittwoch und Freitag 9 - 18 Uhr
Donnerstag 9 - 20 Uhr
Sonnabend, Sonntag und an Feiertagen 10 - 18 Uhr

Prof. Dr. Reinhard Bernbeck im Grabungsschnitt
MitarbeiterInnen der Ausgrabung lesen aus den Aufzeichnungen Kurt Hillers und anderer Häftlinge